|
Als ich selbst zur Schule ging, erlebte ich viele Hochs und Tiefs. In der Grundschule war ich oftmals Klassenbeste und schaffte den Übergang in das Gymnasium spielend. Doch dann, in der 5. Klasse kam ein deutlicher Einbruch mit den Noten. Es gab 5-er und 6-er und ich fühlte mich überfordert von den vielen neuen Fächern und von der neuen Fremdsprache (Englisch).
Ich spürte, dass ich eine andere Art des Lernens brauchte, eine neue Strategie, sonst würde ich das Gymnasium nicht schaffen. Mit den Jahren erarbeitete ich mir selbst meine ganz eigenen Strategien. Ich dachte mir viele Lerntricks aus, arbeitete mit Skizzen, Farben, bunten Blättern etc. Viele Lerntechniken, die heute in Büchern stehen, habe ich mir damals einfach ausgedacht und es funktionierte meistens. Doch es gab immer noch Fächer, wie Mathematik und Latein, die mir sehr schwer fielen. Mein Abitur konnte ich mit Auszeichnung abschließen (Scheffel-Preis).
|
 Annette Marschollek
|
|
Ich studierte nach meinem Abitur Psychologie und BWL in Mannheim. Im Psychologie-Studium hatte ich viele Aha-Erlebnisse und ich konnte endlich verstehen, wie komplex die Zusammenhänge des Lernens in Wahrheit sind. Es genügt eben NICHT, sich hinzusetzen und sich den Lernstoff “anzuschauen”. Jeder Mensch lernt anders und braucht den Lernstoff auch in einer anderen Form dargeboten. Es existieren immerhin 32 verschiedene Dominanzprofile, nach denen Menschen Informationen verarbeiten und speichern. Somit gibt es unterschiedliche Lerntypen, bei denen jeweils ein bestimmter Lernmodus (Auge, Ohr oder Bewegung) den effektivsten Weg des Lernens darstellt.
Außerdem ist es ab einem gewissen Alter (spätestens ab Beginn der Pubertät, besser noch früher) sehr wichtig, das Kinder und Jugendliche die Funktionsweise des Gehirns verstehen und es dadurch besser nutzen können. Viele Kinder haben ein riesiges Intelligenzpotenzial, das ungenutzt bleibt. Um es mit einer Metapher zu umschreiben: Viele Lernende haben in ihrem Gehirn einen Rennwagen, doch sie bleiben im ersten Gang und versuchen dort auf 50 km/h zu kommen, um den Anforderungen an den Schulen gerecht zu werden. Wüssten diese Menschen, wie ihr Gehirn funktioniert und zu welchem Lerntyp sie gehören, könnten sie spielend leicht in den zweiten, dritten oder vierten Gang umschalten und beim Lernen so richtig Gas geben, ohne sich übermäßig anzustrengen.
Mir wurde im Studium auch klar, dass es einen großen Mangel an Austausch zwischen den einzelnen Disziplinen gibt. Es sollte eine interdisziplinäre Zusammenarbeit geben zwischen Psychologen, Pädagogen, Medizinern und Gehirnforschern, um neue Richtlinien zu schaffen, nach denen das Schulsystem funktioniert. Es wäre wünschenswert, wenn das erforschte Wissen der letzten 30 Jahre (!) endlich vollständig den Weg in die Schulpraxis fände. ALLEN Menschen, also Kindern, Jugendlichen, Eltern und Lehrern könnten damit ganz konkrete Lösungen an die Hand zu gegeben werden, damit das Lernen und die Wissensvermittlung optimal laufen können.
Es ist mein Traum und mein tiefer Wunsch, dass es eines Tages möglich sein wird, das Schulsystem so weit zu reformieren, so dass all das Wissen aus den verschiedenen Disziplinen Anwendung findet. Aus diesem Wunsch heraus gründete ich im Jahr 2005 das LernCenter in Heidelberg.
Zumindest in diesem kleinen Rahmen einer Nachhilfeschule gibt es mir die Möglichkeit, Pionierarbeit zu leisten und von der Basis her für Aufklärung und für die Erarbeitung neuer Lernkonzepte zu sorgen. In meiner Schule steht der Mensch im Mittelpunkt, seine Bedürfnisse, seine Talente und seine oft brachliegenden Potenziale. Das, was ich anstrebe ist nicht eine rigide Anpassung des Menschen an ein überaltertes System, sondern endlich die gesunde Entfaltung des Menschen, dem sich das System unterzuordnen hat.
Mag sein, dass für manche Menschen meine Worte ketzerisch klingen, doch wir brauchen auf dieser Erde tatsächlich eine große Umwälzung. Wir stehen vor fast unlösbaren Problemen: Umweltverschmutzung, Erderwärmung, Polschmelze, Hungersnöte und zu Neige gehende Bodenschätze, wie die Erdölreserven. Außerdem haben wir eine exponentiell steigende Erdbevölkerung, die auf die acht Milliarden Menschen zusteuert. Wer soll all diese Probleme lösen? Die Natur hat über die Evolution sehr gut daran getan, dass sie den Menschen verschiedene Datenverarbeitungsprofile gab, damit sich eine reiche Vielfalt an Talenten und Denkweisen entwickeln können. Wir brauchen auf diesem Planeten dringend Menschen, die “anders” denken können und die mit ihren Ideen zu neuen und menschen-gerechten und natur-gerechten Lösungen finden.
Wer sonst, wenn nicht die Kinder und Jugendlichen von heute, kann all das bewerkstelligen? Wenn also die Natur die große Vielfalt fördert, damit das Überleben gesichert ist und damit Balancen in der Natur und mit der Natur hergestellt werden können - warum unterdrücken unsere Systeme dann diese Vielfalt? Eine Gleichschaltung der Fähigkeiten und der Denkweise der Menschen ist vielleicht im ersten Moment einfach und praktisch - doch für wen? Damit das System so weiter geht? Die Geschichte lehrt es uns: Kulturen gehen unter, wenn sie versuchen ein System aufrecht zu erhalten, das längst überkommen ist.
Viele sehen und spüren es: Die heutigen Kinder und Jugendlichen leiden unter dem Schulsystem. Sie fühlen sich überfordert, gestresst und als Menschen, so wie sie sind, oftmals nicht angenommen. Jeder Mutter und jedem Vater - allen Eltern, die davon betroffen sind, tut es im Herzen weh, wenn sie ihr Kind traurig und deprimiert sehen und nicht so recht wissen, wie sie ihrem Kind helfen können. Wir im LernCenter bemühen uns nach all unserem Wissen praktische Hilfe zu leisten, wo es nur geht.
Die Vision
Meine Vision ist eine Gesellschaft, die die natürliche Vielfalt der Menschen respektiert und unterstützt. Wir brauchen Schulsysteme, in denen die Kinder Freude am Lernen haben. Kinder lernen durch Spiel, Kreativität und über das Miteinander. In Zukunft wird es die Hauptaufgabe der Schulen sein, bei den Kindern die ureigensten, kostbaren Talente zu entdecken und zu fördern. Dadurch wird sich das Selbstbewusstsein und der Ideenreichtum der Kinder voll entfalten können. Es wird eine große Vielfalt von Berufen entstehen, wenn jeder Mensch seine Einzigartigkeit entdeckt hat und sie lebt. Es wird keine Schablonen mehr geben, nach denen Menschen unter Zwang funktionieren müssen. Menschen, die aus sich selbst heraus Ideen schöpfen, anstatt das menschliche Wissen ständig zu kopieren, werden fähig sein, eine Welt zu schaffen, in der alle Wesen in Freude leben können.
Klingt das zu utopisch für Sie? Ich meine, dass es für uns als Menschheit unsere einzige Chance ist, wenn wir lernen ein höheres Bewusstsein zu entwickeln.
Ihre Annette Marschollek
|